Lieblingsmenschen und „Arsch“-Engel

Wir Menschen teilen andere Menschen gerne in Gruppen ein.

Da gibt es:
Die Lieblingsmenschen.

Und dann gibt es die anderen.

Die, bei denen sich innerlich schon etwas zusammenzieht, wenn nur der Name auftaucht.

Die, bei denen wir denken:
„Puh.“
Oder:
„Mit der Person ist es einfach schwierig.“
Oder — wenn wir ganz ehrlich sind:
„Was für ein Arsch-Engel.“

Und ja, manchmal nennen wir sie vielleicht nicht so.
Aber innerlich haben wir sie längst einsortiert.

Das Problem ist selten wirklich gelöst

Dieses Thema hat in den letzten Tagen in meinen Übungsgruppen unglaublich deutlich gezeigt.

Und ehrlich gesagt sehe ich es überall. Auch im eigenen Umfeld.

Viele Beziehungen wirken an der Oberfläche ruhig.

Aber darunter ist oft überhaupt kein Frieden.

Denn wenn dich eine Beziehung innerlich immer wieder unangenehm beschäftigt — auch ungefragt — dann ist da meist noch etwas nicht wirklich gelöst.

Und das kostet dich Energie. Lebensfreude. Leichtigkeit.

Und oft merken wir gar nicht, wie viel Kraft es kostet, innerlich ständig in einer subtilen Abwehr zu sein.

 

Wir glauben, wir seien längst darüber hinweg

Im Verstand wissen wir meistens ziemlich genau, worum es geht.

Wir haben die Situation analysiert.
Eingeordnet.
Besprochen.
Vielleicht sogar mehrfach „bearbeitet“.

Wir sagen Dinge wie:

„Das habe ich angeschaut.“
„Damit bin ich durch.“
„Ich weiss genau, warum mich das getriggert hat.“

Und vielleicht stimmt das sogar auf der Verstandesebene.

Aber unten im Herzen fühlt es sich oft ganz anders an.

Denn dort ist noch keine wirkliche Entspannung.

Noch keine echte Offenheit.

Noch kein Frieden.

 

Die Schuld-Falle

Sobald wir Menschen innerlich zu „Nicht-Lieblingsmenschen“ erklären, schafft dieses Urteil Trennung. Distanz.

„Sie ist schwierig.“
„Er ist immer so respektlos.“
„Mit ihr stimmt etwas nicht.“
„Er saugt mich aus.“

Und ja — manchmal verhalten sich Menschen tatsächlich «schwierig».

Darum geht es nicht.

Die spannendere Frage ist:

Was passiert in mir, wenn ich das Urteil festhalte?

Ich habe die Erfahrung gemacht:
Jedes Urteil verstärkt innerlich Schuldgefühle.

Denn tief im Innern wissen wir:
Trennung fühlt sich nie wirklich friedlich an.

 

Warum wir lieber urteilen als uns wirklich zu öffnen

Urteilen fühlt sich kurzfristig sicherer an.

Wenn ich den anderen zum Problem mache, muss ich mich nicht verletzlich zeigen.

Ich muss nicht fühlen, was darunter liegt:

  • Enttäuschung
  • Angst
  • Ohnmacht
  • Traurigkeit
  • Scham
  • Sehnsucht nach Verbindung

Das Urteil schützt mich davor.

Aber gleichzeitig blockiert es genau das, was wir uns eigentlich wünschen:
Vertrauen.
Entspanntheit.
Verspieltheit.
Nähe.
Kreativität.
Lebendige Verbindung.

Das „Problem“ steht dann unsichtbar zwischen uns.

Auch wenn äusserlich alles höflich wirkt.

 

Verhalten ändern ist noch keine Heilung

Viele Menschen versuchen dann, das Problem über Verhalten zu lösen.

Sie passen sich an.
Kontrollieren sich.
Achten darauf, nichts Falsches zu sagen.
Oder vermeiden gewisse Menschen ganz.

Das kann kurzfristig funktionieren.

Aber innerlich bleibt oft trotzdem Spannung bestehen.

Man muss weiterhin aufpassen.

Und genau daran erkennen wir: Der Konflikt ist noch nicht wirklich gelöst.

Denn wirkliche Freiheit fühlt sich anders an.

 

Was also hilft wirklich?

Ich habe die Erfahrung gemacht:
Veränderung beginnt nicht dort, wo ich den anderen verändern will.

Sondern dort, wo ich bereit bin, mein eigenes Urteil anzuschauen.

Nicht um mir Schuld zu geben.

Sondern um ehrlich zu werden.

Was glaube ich eigentlich über diese Person?

Was macht diese Begegnung scheinbar so bedrohlich?

Welche Geschichte erzähle ich mir?

Und vor allem:

Ist das, was ich da glaube wirklich wahr? Wer wäre ich ohne dieses Urteil?

In Ein Kurs in Wundern heisst es sinngemäss:
Alles, was nicht Liebe ist, ist ein Ruf nach Liebe.

Das verändert unglaublich viel. Denn plötzlich sehe ich nicht mehr nur den „schwierigen Menschen“. Sondern vielleicht jemanden, der — genau wie ich — mit Angst, Schutzmechanismen und alten Verletzungen unterwegs ist.

 

Freiheit bedeutet nicht, alles gut finden zu müssen

Das ist mir wichtig.

Vergebung bedeutet nicht auf der Formebene:

  • alles gutzuheissen
  • keine Grenzen mehr zu haben
  • sich alles gefallen zu lassen
  • oder plötzlich jeden Menschen sympathisch zu finden

Es bedeutet, den inneren Krieg zu beenden.

Nicht mehr ständig innerlich gegen jemanden kämpfen zu müssen.

Und das verändert nicht nur Beziehungen.

Sondern das gesamte eigene Lebensgefühl.

Da wird unglaublich viel Energie frei.

 

Vielleicht sind unsere „Arsch“-Engel genau dafür da

Vielleicht sind genau diese Menschen nicht zufällig in unserem Leben.

Vielleicht zeigen sie uns die Stellen, an denen wir noch nicht frei sind.

Die Stellen, an denen wir noch glauben:

  • getrennt zu sein
  • angegriffen zu werden
  • uns schützen zu müssen
  • nicht genug zu sein

Nicht angenehm.

Aber eine Spitzen-Gelegenheit, um exakt die Themen in uns hochzubringen, die noch nicht geheilt sind und sie dann zu transformieren.

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