„Auf mich und meine Talente hat doch kein Mensch gewartet.“
Diesen Gedanken kenne ich gut. Er taucht manchmal ganz unerwartet auf.
Ein alter, vertrauter Hintergrundsatz, der plötzlich wieder mitläuft. Dann bemerke ich Gefühle von Selbstzweifel und Wertlosigkeit und ertappe mich bei Gedanken wie:
„Das bringt doch alles nichts.“
„Auf mich und meine Talente hat doch kein Mensch gewartet.“
Nicht besonders schön. Und ehrlich gesagt ziemlich klebrig.
Und mein altes Muster findet dann sofort „Beweise“ im Aussen. In meinem Fall reichen manchmal schon ein paar Abmeldungen vom Newsletter. Und sofort entsteht innerlich diese alte Schlussfolgerung:
„Siehst du. Ist ja logisch, dass du dich jetzt so fühlst.“
Aber genau dort liegt die Denk-Falle. Denn in dem Moment glaube ich wieder der alten Geschichte über mich selbst — und verstärke damit das Muster, das mich leiden lässt und mir den inneren Frieden klaut.
Die meisten versuchen ihr Verhalten zu verändern
Wenn Menschen leiden, versuchen sie oft zuerst ihr Verhalten zu verändern.
Sie wollen:
- gelassener reagieren
- weniger zweifeln
- sich nicht mehr stressen lassen
- selbstbewusster auftreten
- endlich konsequent sein
Und wenn das nicht funktioniert, legen sie noch eine Schippe drauf:
„Ich muss mich einfach mehr zusammenreissen.“
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das vielleicht eine Weile im Äusseren klappt, aber zu einem sehr hohen Preis. Weil es unendlich anstrengend ist, gegen die inneren Überzeugungen «zu schwimmen».
Denn Verhalten ist nie die Ursache. Verhalten ist immer die Wirkung eines inneren Zustands. Und für dieses alte innere System ist das Verhalten logisch und konsequent. Es macht Sinn.
Warum wir immer wieder in dieselben Muster zurückfallen
Unser Verhalten folgt unseren Gedanken, Gefühlen und Überzeugungen.
Und genau diese Muster laufen oft so automatisch ab, dass wir glauben, dass uns diese innere Reaktion einfach geschieht, ohne dass wir darauf Einfluss hätten.
Das Verrückte ist: Wenn wir lange genug mit bestimmten Gedanken und Gefühlen leben, werden wir regelrecht süchtig nach diesem vertrauten Zustand – selbst dann, wenn wir darunter leiden. Selbst dann, wenn es nicht die Wahrheit ist.
Unser System bevorzugt nicht unbedingt das, was uns guttut. Es bevorzugt das, was vertraut ist. Es mag keine Änderungen.
Und durch das Wiederholen von Verhaltensmustern bestätigen wir uns immer wieder das, was wir ohnehin schon über uns glauben.
Niemand „macht“ uns Gefühle
Manchmal hören wir uns sagen:
„Du stresst mich.“
„Die Kinder machen mich fertig.“
„Das macht mir Sorgen.“
„Sie treibt mich in den Wahnsinn.“
Das fühlt sich wahr an, wenn wir dies sagen.
Aber ich habe die Erfahrung gemacht:
Zwischen dem, was passiert, und dem Gefühl in mir liegt noch etwas anderes.
Meine Bewertung.
Meine Interpretation.
Mein Urteil über die Situation.
Nicht das Ereignis selbst erzeugt mein Gefühl — sondern die Bedeutung, die ich ihm gebe.
Das ist unbequem.
Aber gleichzeitig unglaublich befreiend.
Denn wenn ich diejenige bin, die der Situation Bedeutung gibt, dann liegt genau dort auch die Möglichkeit für Veränderung.
„Ich habe allem die gesamte Bedeutung gegeben, die es für mich hat.“
Dieser Satz aus Ein Kurs in Wundern hat mich tief berührt.
Denn genau das tun wir ständig.
Wir interpretieren Situationen.
Wir bewerten Menschen.
Wir ziehen Schlussfolgerungen.
Wir erzählen uns Geschichten darüber, was etwas bedeutet.
Und irgendwann halten wir diese Geschichten für die Wahrheit.
Warum Verhaltensänderung oft so schwierig ist
Wenn ich innerlich glaube:
„Ich bin nicht gut genug.“
„Ich bin wertlos.“
„Ich werde sowieso abgelehnt.“
…dann wird mein Verhalten diesem inneren Zustand folgen.
Vielleicht ziehe ich mich zurück.
Vielleicht passe ich mich an.
Vielleicht kämpfe ich.
Vielleicht zweifle ich ständig an mir.
Und dann versuchen wir oft genau dieses Verhalten zu korrigieren — ohne die Überzeugung dahinter anzuschauen.
Das funktioniert selten nachhaltig.
Denn die Wurzel bleibt bestehen.
Der Ort, an dem echte Veränderung beginnt
Heute versuche ich deshalb nicht mehr zuerst mein Verhalten zu verändern.
Ich frage mich stattdessen:
Wo in mir habe ich entschieden, dass irgendetwas im Aussen meinen Wert mindern könnte?
Wo habe ich begonnen zu glauben, nicht genug zu sein?
Und dann erinnere ich mich:
Das ist kein Fakt.
Es ist eine alte Überzeugung.
Ein Denkfehler.
Ein Irrtum, den ich irgendwann gelernt habe.
Es ist nicht die Wahrheit über mich.
Und genau das verändert etwas.
Denn plötzlich wird es innerlich wieder frei.
Es wird leicht.
Nicht, weil im Aussen etwas anders ist.
Sondern weil ich aufhöre, mich mit einer alten Geschichte zu verwechseln.
Veränderung beginnt nicht im Verhalten
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht:
„Wie kann ich mein Verhalten ändern und gleichzeitig meine Bewertungen behalten und innerlich alles beim Alten lassen?“
Sondern:
Bin ich bereit, mein Urteil anzuschauen?
Bin ich bereit, nicht recht zu haben mit dem, was ich über mich, andere oder die Welt glaube?
Bin ich offen dafür, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt, diese Situation zu sehen?
Und wie würde es sich anfühlen, wenn ich danebenliege, aber dafür frei wäre?




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