Du hast mich nicht abgeholt!

Vorhang auf für mein altes Rettungsprogramm

«Du hast mich nicht abgeholt.»

Der Satz fiel gegen Ende eines Workshops nach einer gemeinsamen Übung. Ziemlich entrüstet, genervt. Und mit genau diesem Unterton, bei dem mein inneres Alarmsystem meist keine weiteren Rückfragen stellt.

Die Person war enttäuscht, was sie natürlich sein darf. Vielleicht hatte sie etwas anderes erwartet. Vielleicht hätte sie an diesem Tag eine andere Form der Übung gebraucht. Vielleicht passten die Übung und ihr Bedürfnis einfach nicht zusammen.

Mein Ego interessierte sich allerdings keine Sekunde für diese ausgesprochen neutralen und unspektakulären Möglichkeiten. Es hatte bereits den Theatervorhang aufgezogen.

Bühne frei – Vorhang auf

Kaum war der Satz ausgesprochen, ging irgendwo in mir das Licht aus. Ein einzelner Scheinwerfer erhellte die Bühne. Nebel zog auf. Dramatische Musik setzte ein. Und dann erschien es:

Mein altes Rettungsprogramm.

Es trug eine grelle Warnweste, schwenkte eine rote Fahne und rief durch ein Megafon:

«ACHTUNG! AUFGEPASST! EIN MENSCH IST UNZUFRIEDEN!»

Im Hintergrund heulten bereits die Sirenen. Statisten rannten aufgeregt über die Bühne.

Jemand schob vorsorglich eine Bahre herein, die Sanitäter standen bereit.

Offenbar handelte es sich nicht einfach um eine enttäuschte Rückmeldung nach einem Workshop. Nein. Wir befanden uns mitten in einer menschlichen Grossschadenslage.

Und ich war schuld.

Das Rettungsprogramm übernimmt

«Du musst zurück! Los, los!», rief das Ego, während es dieses alte Theater-Programm spielte.

«Du hast jemanden nicht abgeholt!» «So kann man doch keinen Menschen stehen lassen!»

«Am besten holst du künftig alle persönlich zu Hause ab.»

Natürlich.

Meine Stellenbeschreibung lautete schliesslich:

Coach, Reiseleiterin, Gepäckträgerin, Rettungssanitäterin und bei Bedarf persönliches Taxi.

Mit Rundumversorgung und Zufriedenheitsgarantie. Falls jemand nicht selbst gehen möchte, wird getragen. Falls jemand nicht weiss, wohin, bestimme ich das Ziel. Und falls jemand trotz allem unzufrieden bleibt, kann ich mich hinterher wenigstens noch schuldig fühlen. Komplettservice.

Für einen kurzen Moment war ich versucht, in das Stück einzusteigen. Meine Rolle kannte ich noch. Ich hätte nur mein Kostüm anziehen und meinen Text aufsagen müssen:

«Was habe ich falsch gemacht?»

«Was hätte ich noch tun müssen?»

«Wie kann ich verhindern, dass jemals wieder irgendwo ein Mensch meinetwegen enttäuscht ist?»

Ein Klassiker. Wurde früher jahrelang erfolgreich aufgeführt. Meist ohne Pause.

Es wohnt nicht mehr hier

Das Spannende war: Diesmal bemerkte ich schnell, was da gerade geschah.

Ah. Du wieder, Ego. Mit dem alten Programm.

Aber das Rettungsprogramm wohnt längst nicht mehr bei mir. Ich habe ihm gekündigt. Es musste ausziehen. Es hat weder ein eigenes Zimmer noch ein Namensschild am Briefkasten.

Aber offenbar hat es sich vor dem Auszug heimlich einen Nachschlüssel machen lassen.

Ab und zu schliesst es damit die Tür auf, stellt sein Blaulicht im Wohnzimmer auf und tut so, als gehöre ihm noch immer das ganze Haus.

Früher hätte ich es nicht einmal bemerkt. Ich hätte geglaubt, die Sirenen seien halt normal, das Blaulicht die Innenbeleuchtung, die kreisenden Gedanken könne man eh nicht abstellen. Und die Schuldgefühle seien ein Beweis dafür, dass ich – wieder einmal – etwas falsch gemacht hatte. Wieder mal versagt. Und der dramatische Monolog in meinem Kopf entspreche der Wahrheit.

Heute kann ich zuschauen. Nicht immer sofort. Aber meine Reaktionszeiten nähern sich immer mehr denen eines Rauchmelders, sobald in der Küche etwas auch nur verdächtig knusprig wird.

Und das Ego liefert wirklich ein Spitzen-Unterhaltungsprogramm. Man muss nur aufpassen, dass man nicht versehentlich glaubt, es handle sich um die Wahrheit.

Nein. Nein. Und drittens: Nein.

Ich liess das Theater also einen Moment laufen.

Dann stellte ich mir drei Fragen:

Muss ich wirklich jeden abholen?

Will ich das überhaupt?

Und ist es für einen anderen Menschen nützlich, wenn ich ihm seinen Weg abnehme?

Die Antwort kam erstaunlich schnell.

Nein. Nein. Und drittens: Nein.

Kein Donnerschlag. Keine himmlische Stimme. Nur innere Klarheit.

Ich darf anbieten, einladen, einen sicheren Raum schaffen, Fragen stellen, Impulse geben und ein Stück mitgehen. Und andere dürfen selbst entscheiden, was sie davon mitnehmen möchten. Oder nicht mitnehmen. Sie dürfen begeistert sein, unentschlossen, enttäuscht oder sich ärgern.

Auch das gehört zur freien Platzwahl in diesem Theater.

Danke für diesen Trigger

Je länger ich darüber nachdachte, desto dankbarer wurde ich für diesen Satz.

«Du hast mich nicht abgeholt.»

Er hatte genau den richtigen Knopf erwischt. Zack. Vorhang auf.

Und so konnte ich sehen, dass da noch ein altes Programm gelegentlich mit seinem Nachschlüssel hereinschleicht. Nicht mehr oft. Nicht mehr lange. Aber eben doch noch ab und zu.

Das ist keine schlechte Nachricht. Im Gegenteil.

Wie sollte ich etwas erkennen, das sich nie zeigt?

Trigger sind spitze darin, unsere alten Programme aus ihren Verstecken zu locken. Sie drücken auf einen unsichtbaren Knopf – und schon stehen die längst pensionierten Schauspieler wieder vollständig kostümiert auf der Bühne.

Das ist ein Geschenk. Vielleicht nicht immer hübsch verpackt. Manchmal kommt es harsch daher. Genervt. Mit verschränkten Armen und einem kleinen Schmoll.

Aber ein Geschenk bleibt es trotzdem.

Denn in diesem Moment habe ich eine Wahl.

Ich kann auf die Bühne stürmen, mein altes Kostüm anziehen und im Drama mitspielen.

Oder ich kann im Zuschauerraum sitzen bleiben, mir das Spektakel ansehen und denken:

«Meine Güte. Was für eine Inszenierung.» Und mir noch ein bisschen Popcorn gönnen.

Dann darf ich erleichtert lachen. Nicht über den anderen Menschen. Und auch nicht über mich. Sondern über die masslose Übertreibung des Ego, das aus einem einzigen Satz zuverlässig einen abendfüllenden Katastrophenfilm produziert.

Danke also an diesen Trigger. Er hat mir gezeigt, wie weit ich schon gegangen bin.

Das alte Programm hat zwar noch einen Nachschlüssel.

Aber ob ich es drin lasse und ihm auch noch die Fernbedienung übergebe, entscheide heute ich.

☕ Zum Mitnehmen

Vielleicht magst du dir heute einmal zwei Fragen stellen:

  1. Welches alte Programm führt bei dir gelegentlich noch ein Theaterstück auf?
  2. Und was verändert sich, wenn du nicht gleich mitspielst, sondern dir die Inszenierung erst einmal in Ruhe anschaust?
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