Wie ich fast ausgewandert wäre, statt diesen Blogartikel zu schreiben
Kürzlich sass ich zu Hause im Büro vor dem weit geöffneten Fenster.
Der Wind rauschte durch die grüne Baumkrone vor dem Haus. Mittendrin stritten sich zwei Vögel. Aber so richtig. Keiner machte Anstalten nachzugeben.

Beide wollten genau diesen einen Ast.
Ich musste lachen. Nicht wegen der Vögel. Sondern weil ich dachte:
„Genau so klingt es manchmal in meinem Kopf.“
Und das Beste daran? Dafür brauche ich nicht einmal ein Gegenüber. Das kriege ich ganz alleine hin.
Wie ich fast ausgewandert wäre, statt diesen Blogartikel zu schreiben
An diesem Morgen wollte ich eigentlich nur einen Blogartikel schreiben.
Der Cursor blinkte mich erwartungsvoll an. Er schien erstaunlich motiviert. Ich weniger. Ich tippte die Überschrift. Löschte sie wieder. Ich schrieb einen ersten Satz. Löschte ihn ebenfalls.
Dann räusperte sich mein Ego.
„Vielleicht interessiert das sowieso niemanden.“
Stimmt.
„Es gibt ungefähr 38 Millionen Menschen, die ihr Wissen bereits im Internet teilen.“
Auch richtig.
„Und mindestens 37’999’999 davon können das bestimmt besser als du.“
Danke für dein Vertrauen.
Aber mein Ego war gerade erst warmgelaufen.
„Vielleicht solltest du zuerst noch ein paar Bücher lesen.“
„Oder eine Weiterbildung machen.“
„Oder Germanistik studieren.“
„Oder einfach warten, bis du wirklich etwas zu sagen hast.“
Ich nickte kurz. Klang irgendwie vernünftig. Mein Ego kann das hervorragend.

Es erzählt den grössten Unsinn in einem Tonfall, als würde es die Nachrichten moderieren. Dann kam der Satz, der fast immer auftaucht.
„Wer hat denn ausgerechnet auf dich gewartet?“
Eine berechtigte Frage. Dachte ich jedenfalls.
Also machte ich das einzig Vernünftige.
Ich räumte die Küche auf. Danach fiel mir ein, dass die Wand im Schlafzimmer eigentlich schon lange einen neuen Anstrich vertragen könnte. Während ich so mit Farbe und Pinsel hantierte, kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht doch lieber auswandern sollte. Eine kleine Strandbar eröffnen. Jeden Tag surfen gehen. Und Kokosnüsse verkaufen. Alles schien plötzlich realistischer, als diesen Blogartikel fertigzuschreiben.
Irgendwann sass ich wieder vor meinem Computer.
Die Küche war aufgeräumt. Die Schlafzimmerwand frisch gestrichen. Ausgewandert war ich noch nicht. Aber mein Blogartikel war keinen einzigen Satz weiter. Verflixt.
Nicht einmal der Umweg über Küche, Farbeimer und Kokosnüsse hatte geholfen. Ich schaute kurz zum Fenster.
Die beiden Vögel waren immer noch beschäftigt.
Offenbar war der Ast inzwischen zur Grundsatzfrage geworden.
Ich beneidete sie fast ein wenig.
Sie stritten wenigstens nur über ein Problem.
Mein Ego hatte inzwischen ungefähr zwölf eröffnet.
Ich beschloss der Sache auf den Grund zu gehen und holte mein Tagebuch.
Nicht, um das perfekte Thema für den Artikel zu finden.
Sondern um herauszufinden, was hier eigentlich gerade los war.
Ich gab meinem Ego einfach einmal das Mikrofon.
Ohne Zensur.
Ohne schöne Formulierungen.
Und vor allem ohne so zu tun, als wäre ich in diesem Moment viel weiser, als ich mich gerade fühlte.

Nach wenigen Minuten stand da:
Ich: „Ich möchte sichtbar sein.“
Ego: „Sehr gerne. Aber bitte nur für Menschen, die dich mögen.“
Ich schrieb weiter.
Ich: „Ich möchte Menschen begleiten.“
Ego: „Wunderbare Idee. Aber erst, wenn du wirklich auf jede Frage eine Antwort hast.“
Ich: „Ich möchte wachsen.“
Ego: „…aber bitte ohne Veränderung.“
Ich: „Ich möchte mutig sein.“
Ego: „…aber nur, wenn vorher garantiert ist, dass nichts schiefgeht.“
Ich musste laut lachen. Nicht über mich. Sondern über die Kreativität meines Egos.
Es war überhaupt nicht gegen mein Ziel. Im Gegenteil. Es fand die Idee ausgezeichnet.
Es hatte nur ungefähr siebenundvierzig kleine Bedingungen daran geknüpft.
Und jede einzelne klang für sich genommen erstaunlich vernünftig. Erst als sie alle untereinanderstanden, fiel mir etwas auf.
Sie widersprachen sich.
- „Sei sichtbar.“
- „Aber falle auf keinen Fall auf.“
- „Zeig dich.“
- „Aber bitte nur von deiner besten Seite.“
- „Sei mutig.“
- „Aber geh kein Risiko ein.“
- „Verändere dein Leben.“
- „Aber bitte so, dass sich nichts verändert.“
Ganz ehrlich?
Unter diesen Bedingungen hätte wahrscheinlich sogar Albert Einstein beschlossen, lieber Kokosnüsse zu verkaufen.
Das Ego erinnert mich manchmal an einen Dreijährigen beim «Mensch ärgere dich nicht». Er bestimmt die Regeln. Und wenn du sie endlich verstanden hast…ändert er sie.
Oder an einen Arbeitgeber, der dir seit zehn Jahren dieselbe Gehaltserhöhung verspricht. Kurz bevor sie fällig wäre, sagt er:
„Fast. Wirklich fast.
Gib dir einfach noch ein bisschen mehr Mühe.“
Ich musste wieder lachen, weil es das Ego so offensichtlich entlarvte.
Das Problem war nie mein Ziel.
Das Problem waren all die Bedingungen, die ich heimlich daran geknüpft hatte.
Ich sass noch eine Weile da und schaute auf meine Notizen.
Mein Ziel war die ganze Zeit dasselbe geblieben. Ich wollte einfach einen Blogartikel schreiben. Nicht mehr. Nicht weniger.
Aber mein Ego hatte ihm inzwischen einen ganzen Rucksack umgehängt.
Plötzlich sollte dieser arme Blogartikel nicht mehr einfach ein Blogartikel sein.
- Er sollte beweisen, dass ich etwas zu sagen habe.
- Er sollte zeigen, dass ich kompetent bin.
- Er sollte möglichst viele Menschen erreichen.
- Er sollte niemanden langweilen.
- Er sollte originell sein.
- Und wenn wir schon dabei waren …
- …dürfte er auch gleich noch mein Selbstvertrauen reparieren.
Kein Wunder kam ich nicht vom Fleck.
Nicht der Blogartikel war zu schwer geworden.
Sondern das Gepäck, das ich ihm mitgegeben hatte.
Seit diesem Tag mache ich etwas ganz Einfaches, wenn ich merke, dass ich wieder in so einem inneren Tauziehen feststecke.
Ich nehme mein Tagebuch.
Nicht, um das richtige Ziel zu finden.
Sondern um herauszufinden, welche Bedingungen ich gerade heimlich daran geknüpft habe.
Ich stelle mir zwei Fragen.
Fühle ich inneren Frieden, wenn ich an dieses Ziel denke?
Und:
Was glaube ich, würde sich verändern, wenn ich dieses Ziel erreiche?
Dann schreibe ich.
Ohne lange nachzudenken.
Ohne zu korrigieren.
Mein Ego bekommt einfach wieder das Mikrofon.
Und erstaunlicherweise sagt es fast immer ähnliche Dinge.
„Ich möchte sichtbar sein.“
„…aber bitte nur dort, wo mich sowieso alle mögen.“
„Ich möchte etwas Neues wagen.“
„…aber bitte ohne Unsicherheit.“
„Ich möchte Menschen begleiten.“
„…aber erst, wenn ich selber nie mehr zweifle.“
„Ich möchte schreiben.“
„…aber nur, wenn jeder Satz perfekt ist.“
Wenn ich das später lese, muss ich meistens schmunzeln.
Nicht, weil mein Ego dumm wäre.
Ganz im Gegenteil. Es argumentiert oft verblüffend logisch. Nur verfolgt es zwei Ziele gleichzeitig. Es möchte vorwärts. Und um jeden Preis vermeiden, dass irgendetwas Unangenehmes passiert.
Beides zusammen funktioniert nur leider selten.
Vielleicht kennst du solche Gespräche auch.
Nicht unbedingt beim Schreiben. Vielleicht in einer Beziehung. Vor einem Stellenwechsel. Vor einer Entscheidung.
Oder immer dann, wenn dir etwas wirklich wichtig ist.
Nach aussen scheint alles klar.
Aber innerlich zieht jeder Gedanke an einem anderen Seil.
Früher dachte ich, ich müsste dieses Tauziehen gewinnen.
Heute sehe ich das anders.
Ich höre einfach genauer hin.
Denn meistens verraten mir diese Stimmen gar nicht, dass mit meinem Ziel etwas nicht stimmt.
Sie zeigen mir nur, welche Geschichten ich in diesem Moment über mich selbst glaube.
Und genau dort beginnt für mich die eigentliche Veränderung. Nicht beim Ziel. Sondern bei den Gedanken, die es unnötig schwer machen.
Als ich später noch einmal zum Fenster hinausschaute, war die Baumkrone ganz still.
Die beiden Vögel waren längst weitergeflogen. Wahrscheinlich hatten sie ihren Ast schon vor Stunden vergessen. Nur ich hatte fast den ganzen Vormittag mit einer Stimme diskutiert, die ständig neue Regeln erfand.
Sie ist übrigens immer noch da. Natürlich.

Nach so vielen Jahren Übung wäre es auch seltsam, wenn sie plötzlich kündigen würde.
Aber inzwischen erkenne ich sie oft schon beim ersten Satz.
Dann lächle ich, ignoriere die siebenundvierzig Bedingungen, die ich gar nicht gebrauchen kann und mach weiter.
Und mein Ziel?
Das darf bleiben.
☕ Zum Mitnehmen
Vielleicht magst du dir heute einmal zwei Fragen stellen:
Was verspreche ich mir gerade von meinem Ziel?
Kann (und muss) dieses Ziel das überhaupt leisten?




Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!