Eigentlich wollte ich nur ein Kleid bügeln…
Es war nur ein Sommerkleid. Gerade geliefert.
Vor dem ersten Tragen gewaschen.
Beim Bügeln fiel mir auf: Am Ärmel hatte der Stoff einen gut sichtbaren Webfehler. Die Naht begann bereits auszufransen. Und zwei Knöpfe hingen nur noch an einem Faden.

Mein erster Gedanke?
Sowas Blödes.
Nicht wegen des Kleides.
Sondern wegen des ganzen Theaterprogramms, das jetzt wieder dazugehört.
Fotos machen.
Mail schreiben.
Hoffen, dass überhaupt jemand antwortet.
Rücksendeetikett ausdrucken.
(Mein Drucker hat übrigens erstaunlich oft genau in solchen Momenten keine Lust zu arbeiten.)
Kurz gesagt:
Ich hatte gerade keine Lust auf diesen Zirkus.
Endlich! Ein Problem!
Mein Ego sass mit Sicherheit schon mit einer riesigen Schüssel Popcorn auf dem Sofa und jubelte:
«Jaaaa! Endlich! Ein Problem! Das können wir locker zu einer ausgewachsenen Identitätskrise ausbauen!»

Doch kaum war dieser Gedanke da, meldete sich schon die nächste Stimme.
„Ach, das bringt doch eh nichts.“
„Der Webfehler fällt doch kaum auf.“
„Die Naht kannst du selber nähen.“
„Spar dir die Energie.“
„Konzentriere dich lieber auf das Gute.“
Da wurde ich misstrauisch.
Moment mal.
Mein Ego spricht normalerweise nicht so vernünftig.
Es schreit eher herum.
Oder jammert.
Oder hält sich für den Chef der Abteilung «Weltuntergang».
Aber jetzt?
Jetzt klang es plötzlich, als hätte es einen Ratgeber über positives Denken verschlungen.
Das war verdächtig.
Denn eigentlich sagte es damit:
„Du hast sowieso verloren.“
„Du bist machtlos.“
„Du musst dich eben damit abfinden.“
„So ist das Leben.“
Das Ego hatte sich gerade spirituell verkleidet. Es benutzte vernünftige Worte.
Aber mit einem völlig anderen Zweck.
Zwei Möglichkeiten – zwei Sackgassen
Das Ego versuchte mir gerade zu verkaufen, dass ich nur zwei Möglichkeiten hätte.
1
Ich reklamiere. Frustriert, ärgerlich. Mit dem Gefühl, wieder einmal vom Leben unfair behandelt worden zu sein.
2
Ich sage nichts. Schlucke es herunter.
Nähe die Knöpfe wieder an.
Flicke die Naht. Und rede mir ein, dass es gar nicht so schlimm ist.
Obwohl ich genau wusste, wie das enden würde. Wer mich kennt, weiss: Schön nähen und ich führen seit Jahren eine sehr schwierige Beziehung. Das Resultat wäre wahrscheinlich so lange haltbar wie Neujahrsvorsätze im Februar.

Das Interessante ist:
Beide Varianten beruhen auf derselben Annahme.
Ich glaube bereits, dass mir etwas weggenommen wurde.
Dass ich verloren habe.
Dass ich diejenige bin, die jetzt mit dem Schaden leben muss.
Ob ich kämpfe oder schweige, spielt keine Rolle.
Es sind nur zwei Seiten derselben Medaille.
Achtung Falle!
Das Ego liebt solche Situationen.
Weil es endlich wieder seine alten Geschichten erzählen kann.
„Das Leben ist unfair.“
„Du hast eben Pech.“
„Andere kommen besser davon.“
„Du bist nicht wichtig.“
„Man muss halt Kompromisse machen.“
„So ist dein Leben.“
Und genau das ist die Falle.
Wir diskutieren über ein Kleid.
Dabei geht es die ganze Zeit um uralte Überzeugungen über uns selbst.
Irgendwann musste ich selbst lachen.
Ich dachte: «Moment mal … wir reden hier seit fünf Minuten über ein Kleid.»
Das Kleid lag wahrscheinlich ganz unschuldig in der Ecke und dachte sich:
«Entschuldigung … ich wollte wirklich niemandes Kindheitsthemen auspacken.»
Es geht gar nicht um das Kleid
Zum Glück erinnerte ich mich daran, dass es wahrscheinlich – wie so oft – gar nicht um das Kleid geht.
Vielleicht stimmt einfach meine Interpretation nicht.
Denn was ist eigentlich wirklich passiert?
Ein Kleid kommt mit einem Fehler bei mir an. Mehr nicht. Eine neutrale Tatsache.
Alles andere habe ich hinzugefügt.
Die Enttäuschung. Den Frust.
Das Gefühl, benachteiligt worden zu sein.
Die Vorstellung, dass das etwas über meinen Wert aussagt.
Diese ganze Geschichte hatte ich gerade frei erfunden.
Nicht absichtlich.
Sondern weil ich wieder das glaubte, was ich schon so lange über mich glaubte.
Es war einfach dieselbe alte Geschichte.
Mit einem neuen Kleid.
Vielleicht ist das der eigentliche Gewinn
Als ich mich wieder daran erinnert hatte, dass diese Situation nichts über meinen Wert aussagt, war ich plötzlich frei.
Nicht, weil das Kleid plötzlich in Ordnung gewesen wäre.
Sondern weil ich nicht mehr davon abhängig war, wie die Geschichte ausgeht.
Jetzt konnte ich ganz gelassen entscheiden.
Ich konnte freundlich beim Hersteller anrufen und sagen:
„An meinem Kleid gibt es leider einen Webfehler. Die Naht geht bereits auf und zwei Knöpfe sind lose. Was können wir tun?“
Ohne Ärger. Ohne Vorwürfe.
Oder ich konnte beschliessen, es einfach dabei zu belassen.
Nicht, weil ich glaube, dass ich nichts Besseres verdient habe.
Nicht, weil ich Konflikte vermeiden möchte.
Sondern weil es mir schlicht nicht mehr wichtig ist.
Beides wäre vollkommen in Ordnung.
Denn nichts im Aussen muss sich verändern, damit es mir gut geht.
Vielleicht ist das für mich das eigentliche Wunder.
Nicht, dass plötzlich alles perfekt ist.
Sondern dass ich immer schneller merke, wenn mein Ego wieder gemütlich mit seiner Popcornschüssel auf dem Sofa sitzt und hofft, aus einem Webfehler eine Lebenskrise zu machen.
Dieses Mal musste ich passen. Das Popcorn durfte es allein fertig essen.




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