Ich weiss genau, was ich tun müsste. Ich tue es nur nicht.
Wie mein Ego die wichtigste Aufgabe von meiner Liste radierte und mir anschliessend die Schuld dafür gab.
Seit Wochen steht diese eine Aufgabe auf meiner Liste.
Ich habe sie aufgeschrieben. Verschoben. Neu eingeplant. In kleinere Schritte zerlegt. Ihr grosszügig Zeit eingeräumt und vermutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt als manchem Familienmitglied.
Inzwischen müsste sie sich eigentlich sehr «gesehen» fühlen.
Nur erledigt ist sie noch immer nicht.
Heute sollte es nun endlich so weit sein. Ich hatte mir einen guten Plan gemacht. Einen realistischen sogar. Nicht eine dieser Aufgabenlisten, für die ein normaler Mensch drei Tage, zwei Assistentinnen und einen kleinen Lieferwagen bräuchte.
Nein. Alles sehr vernünftig. Überschaubar. Mit genügend Zeit und sogar grosszügiger Reserve.
Ich habe schliesslich im ADHS-Unternehmer-Coaching gelernt, wie man solche Tage plant. Prioritäten setzen. Zeitaufwand realistisch einschätzen. Nicht jede freie Minute verplanen. Pausen berücksichtigen. Alles andere wegräumen.
Ich war ausgeschlafen und vorbereitet.
Der Plan war bereit. Die Aufgabe war bereit.
Nur ich offenbar nicht.
Als sie an der Reihe war, sagte mein Kopf:
«Ja, klar. Los geht’s.»
Der Rest von mir sagte:
«Nein.»
Nicht: vielleicht später. Nicht: erst noch einen Kaffee.
Nicht einmal: Ich müsste vorher ganz dringend die Küchenschublade mit den Gummibändern sortieren.
Einfach Nein.
Jetzt mach doch endlich
Das ist schwer auszuhalten, wenn man genau weiss, was man tun müsste.
Es gibt ja keinen erkennbaren Grund. Die Aufgabe ist machbar. Ich habe genügend Zeit. Ich weiss, wie sie geht. Niemand hält mich davon ab.
Also begann mein Kopf mit der üblichen Motivationsrede:
«Komm jetzt. Fang einfach an.»
Ich fing nicht an.
«Du musst ja nicht alles machen. Nur den ersten Schritt.»
Auch der erste Schritt zeigte keinerlei Interesse an mir.
«Jetzt beweg dich doch endlich!»
Nichts.
Stattdessen wurde ich immer müder. Mein Kopf fühlte sich an, als hätte jemand Watte hineingestopft. Ich konnte kaum noch klar denken und irgendwann schien selbst der Weg vom Schreibtisch zur Kaffeemaschine ein Projekt zu sein, das zuerst sorgfältig geplant werden müsste.
Und sofort war das Ego zur Stelle.

Zuerst vernebelt es mich und lässt mich meine wichtigste Aufgabe vergessen. Dann zeigt es mit dem Finger auf das entstandene Chaos und erklärt mir, dass ich selbst schuld daran bin.
«Andere würden das einfach machen.»
«Du hast es doch selbst geplant.»
«Was stimmt denn jetzt schon wieder nicht mit dir?»
Und weil Schuld allein offenbar noch nicht genügt, schiebt es die Scham gleich hinterher:
«Wenn das jemand wüsste.»
Ja. Was dann?
Was wäre, wenn jemand wüsste, dass ich seit Wochen eine Aufgabe vor mir herschiebe, obwohl ich Zeit dafür eingeplant habe? Obwohl ich gelernt habe, wie man realistische Pläne macht? Obwohl ich anderen Menschen dabei helfe, ihre Vorhaben umzusetzen?
Offenbar müsste ich mich dafür nicht nur schuldig fühlen. Ich sollte mich auch noch schämen. Das ist schon ziemlich perfide:
Du schaffst es gerade nicht. Und jetzt solltest du dich gefälligst auch noch dafür schämen.
Die ausradierte Aufgabe
Während ich so dasass und erfolglos versuchte, mich selbst in Gang zu bringen, sah ich plötzlich eine Szene vor mir. Meine Fantasie macht manchmal solche Sachen.
Ich sah das Ego, wie es sich am frühen Morgen heimlich in mein Büro schlich, während ich im Badezimmer nichts ahnend meine Zähne putzte.

Es schaute sich kurz um. Dann ging es direkt zu meiner Aufgabenliste.
Ganz oben stand:
- Inneren Frieden herstellen.
Das Ego zog einen Radiergummi aus der Tasche und radierte den Satz sorgfältig aus. Buchstabe für Buchstabe. Anschliessend pustete es die Radierkrümel vom Tisch, steckte den Gummi wieder ein und schlich sich mit einem fiesen Grinsen davon.
Es hatte diese diebische Freude im Gesicht, die verriet: Das wird heute eine richtig gute Show.
Und ich?
Ich kam ins Büro, setzte mich an den Schreibtisch und arbeitete brav meine Liste ab. Zumindest versuchte ich es.
Nur die wichtigste Aufgabe fehlte.
Mein Nein braucht keine Standpauke
Vielleicht war genau das mein Fehler.
Ich behandelte den Plan wie einen Befehl und mein Nein wie eine Störung, die möglichst schnell beseitigt werden musste.
Ich wollte es überwinden, wegargumentieren und mit genügend Druck zum Schweigen bringen. Schliesslich sah es von aussen vollkommen unlogisch aus, dass ich diese Aufgabe nicht einfach erledigte.
Aber in mir sagte etwas immer noch Nein.
Dieses Nein konnte keine weitere Standpauke gebrauchen. Es wollte auch nicht besiegt werden. Hm, vielleicht musste ich zuerst anschauen, was da überhaupt Nein sagte.
Nicht, damit das Nein automatisch recht bekommt. Nicht, damit ich die Aufgabe für immer vermeiden kann. Und auch nicht, weil jeder innere Widerstand eine geheimnisvolle Botschaft des Universums enthält.
Sondern weil sich in mir offenbar erst etwas klären und Frieden finden musste.
Meine eigentliche Hausaufgabe war nicht, mich endlich zum Funktionieren zu bringen.
Meine Hausaufgabe war, den Kampf gegen mich selbst zu beenden. Mich nicht zu übergehen. Mich nicht fertigzumachen. Und dem Ego nicht zu glauben, dass mein momentanes Nicht-Können etwas über meinen Wert aussagt.
Zuerst Frieden. Dann die Aufgabe.
Ich weiss noch nicht, was hinter diesem Nein steckt. Vielleicht Angst. Vielleicht Überforderung. Irgendeine alte Überzeugung. Aber ich werde es nicht herausfinden, solange ich gleichzeitig auf mich einrede, mich antreibe und mich dafür verurteile, dass ich nicht längst fertig bin.
Also mache ich jetzt meine Hausaufgaben.
Ich halte inne. Ich schaue mein Nein an. Und ich mache es zur Priorität, den inneren Frieden wiederherzustellen, bevor ich entscheide, wie es mit der Aufgabe weitergeht.
Das bedeutet nicht, dass ich aufgebe.
Es bedeutet auch nicht, dass ich mich vor meiner Verantwortung drücke.
Ich lege nur für einen Moment die Waffen gegen mich selbst nieder.
Vielleicht erledige ich die Aufgabe später. Vielleicht brauche ich Unterstützung. Vielleicht erkenne ich, weshalb sich alles in mir dagegen sträubt. Und vielleicht fühlt sie sich gar nicht mehr so bedrohlich an, sobald ich aufhöre, gegen mich selbst zu kämpfen.
Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich bereits eine vorbildliche Lösung gefunden habe.
Ich erzähle sie, weil ich mich dafür schäme, dass ich es nicht einfach schaffe.
Und weil ich vermutlich nicht die Einzige bin, die genau weiss, was sie tun müsste – und es manchmal trotzdem nicht tut. Nicht die Einzige, die sich dafür antreibt, beschimpft und am Ende auch noch schämt.
Vielleicht müssen wir nicht noch besser funktionieren.
Vielleicht müssen wir zuerst wieder lernen, uns nicht im Stich zu lassen, wenn etwas in uns Nein sagt.
Was danach mit meiner Aufgabe geschieht, werde ich sehen.
Aber eines weiss ich:
Ich werde nicht länger mich selbst «erledigen», nur damit die Aufgabe erledigt wird.






Hallo Yvonne
Ja ich kenne solche Situationen auch und wenn ich mich dann genügend angetrieben und die Arbeit trotz meinem inneren Nein erledigt habe fühlt es sich nicht gut an, Es kommt keine Freude oder Befriedigung auf weil es unter dem inneren Druck von Müssen geschah. Bei der nächsten Gelegenheit versuche ich zuerst in Frieden zu kommen und meinem Nein Beachtung zu schenken. Danke für deinen Tipp und hoffentlich gibts noch mehr davon. Liebe Grüsse Verena
Liebe Verena, schön dass es dir hilft, dich im richtigen Moment zu erinnern, dass das Nein nicht einfach ein Hindernis oder Ärgernis sein muss. Sondern eine Gelegenheit zu schauen, was denn Nein will und wie es uns helfen kann, wieder dahin zu kommen, wo es mit Freude JA sagen kann. Schön, dass du da bist und ich bin sicher, dass mein Ego weiterhin spannende Ideen produziert, die ich mit dir teilen kann. Herzlich, Yvonne