Wie man aus einem friedlichen Sonntagmorgen ein mentales Trainingslager macht

Seit einer verflixten Stunde piepte dieser fiese Wecker.

Und ich verwünschte seinen Besitzer. Wer auch immer das war.

Dabei hatte alles so schön angefangen. Früher Sonntagmorgen. Ich auf dem Balkon. Yogamatte ausgerollt. Angenehme Luft. Eine leichte Brise. Und für unsere Verhältnisse im Quartier war es fast mäuschenstill.

Es waren noch Schulferien und viele Familien verreist. Die verbliebenen Nachbarn gingen entweder sehr leise ihren morgendlichen Beschäftigungen nach – oder lagen selig im Tiefschlaf.

Apropos Tiefschlaf. Ein Nachbar schlummerte offenbar besonders tief.

Oder er war stocktaub. Oder beides.

Oder sie hatte sehr wirksame Ohrstöpsel in den Lauschern.

Aber weshalb, Herrgott noch mal, braucht man einen Wecker mit einem penetranten, immer lauter werdenden Weckton, wenn man davon sowieso nicht wach wird?

Piep. Piep. Piep. Piep.

„Ohmmmm … atmen … tief ein … langsam aus …“

Eine wunderbare Gelegenheit, den Geist zur Ruhe zu bringen, egal, was in meiner Umgebung los war. So war’s schon besser. Ich streckte meinen Rücken. Katze. Kuh.

Ooooh ja. Das tat riiichtig guuut. Das Leben war schön.

Piep. Piep. Piep. Piep.

Dieser vermaledeite Weckton.

Er bohrte sich durch meine Gehörgänge direkt in mein Gehirn und veranstaltete dort ebenfalls Alarm.

Ich muss zu meiner Entschuldigung sagen, dass meine Lauscher äusserst lärmempfindlich sind. Und frühmorgens schätze ich Stille ganz besonders.

„Ohmmmm … aaatmen … tief ein … langsam aus … Ich kann das ausblenden. Ich weiss ja, wie es geht. Also anwenden statt ärgern.“

Na also. Geht doch.

Ich streckte mich zum herabschauenden Hund. Hmmm. Gut.

Ich sollte wirklich öfter Yoga machen.

Die Luft roch gut. Eine leichte Brise strich über meine Haut. Mein Körper wurde langsam geschmeidiger.

Piep. Piep. Piep. Piep. Piep. Piep.

Grrrr.

Der Wecker erhöhte die Frequenz. Aha. Er konnte also noch fieser.

Jetzt müsste man doch wirklich aufwachen. Egal wie tief der Schlaf oder wie süss die Träume.

Pip. Pip. Pip. Piiip. Piiiiiiiiiep.

Es war zum Schreien. Und genau das war ich inzwischen kurz davor zu tun. Einmal quer durchs Quartier:

„STELL ENDLICH DIESEN *ZENSUR* WECKER AB!“

 

Ich liess es bleiben. Die Wahrscheinlichkeit war einfach zu gross, dass danach die gesamte noch verbliebene Nachbarschaft senkrecht im Bett sass.

Mit Ausnahme dieses einen Tiefschläfers.

„Ohmmmmmm … es geht nicht um den Piep-Ton. Es geht nicht um den Wecker. Es geht einzig und allein um meine Reaktion darauf.“

Jaja. Ich weiss. Atmen.

 

Mentales Trainingslager

Inzwischen waren meine Yogaübungen allerdings von entspannend zu einer Durchhalteübung geworden. Eine Art mentales Trainingslager. Ich oder der Wecker.

Ich sah mich bereits in Tarnkleidung durch den Schlamm robben, während der Wecker die Rolle des Drill-Sergeants übernommen hatte.

PIEP! WEITER! PIEP! NICHT NACHLASSEN! PIEP!

Ich musste schmunzeln.

Ja, ich gebe es zu: Mein Ego hat eine blühende Fantasie. Und wenn ich es nicht zu früh abwürge, ist es manchmal ausgesprochen unterhaltsam. Vor allem merkt es häufig gar nicht, dass es sich gerade selbst entlarvt. Einfach weil es irgendwann so derart drüber ist.

Und plötzlich kam mir ein Gedanke. Was wäre eigentlich, wenn dieser Nachbar gar nicht da wäre? Vielleicht war er in den Ferien und hatte schlicht vergessen, den Wecker auszuschalten.

Anders war es ja kaum noch zu erklären, dass dieses Ding seit einer geschlagenen Stunde alles gab, ohne dass irgendjemand erwachte und darauf reagierte.

Und jetzt stell dir mal vor:

Nach und nach lehnen sich sämtliche Nachbarn aus ihren offenen Fenstern und brüllen gemeinsam durch die kühle Morgenluft:

„STELL ENDLICH DIESEN *ZENSUR» WECKER AB!“

Und keiner ist da.

Autsch. Lachkrampf in der Krähenposition ist keine gute Idee.

Ich wäre beinahe vornüber auf den Kopf gefallen, rollte mich gerade noch seitlich ab und blieb auf der Matte liegen. Erst mal Handgelenke checken. Schmerz, lass nach.

Während ich da so lag, musste ich an einen meiner Mentoren und Lehrer denken.

Der hatte uns immer wieder daran erinnert, dass es nicht „um die * v…… * Katze geht“.

(Das mit der Katze ist eine andere Geschichte.)

 

Es geht nicht um den Wecker

Für diesen Sonntagmorgen hiess es:

Es geht nicht um den Wecker. Nicht um den penetranten Piep-Ton.

Und auch nicht um den Nachbarn, der ihn entweder heldenhaft ignorierte oder längst irgendwo am Strand lag und nichts vom akustischen Kleinkrieg wusste, den sein Wecker hier veranstaltete.

Es ging auch nicht darum, so zu tun, als wäre das Geräusch nicht da. Natürlich war es da. Und natürlich nervte es mich.

Ich konnte versuchen, es auszublenden. Mich auf meinen Atem konzentrieren. Mich ablenken. Meditieren. Oder es einfach irgendwie aushalten, bis es endlich vorbei war.

Aber das war noch nicht der Punkt.

Oh ….. Warte mal.

Stille. Ich lauschte. Nichts. Halleluja.

Nach ungefähr sechzig Minuten hatte der Wecker aufgegeben. Puh, endlich.

Und als hätten sie sich heimlich abgesprochen, fing in genau diesem Moment das Baby an lautstark zu krähen, das seit ein paar Wochen unser Nachbarhaus bewohnt.

Hatte ich die sperrangelweit offenen Fenster bereits erwähnt?

Na wunderbar. Nächste Runde. Und plötzlich war sonnenklar, was mich an diesem Morgen eigentlich so aufgeregt hatte. Nicht der Lärm. Sondern die Geschichte, die ich daraus gemacht hatte.

Da war dieser friedliche Sonntagmorgen – und irgendjemand störte ihn.

Ich wollte meine Ruhe. Und irgendjemand nahm sie mir weg. So fühlte es sich jedenfalls an.

Diese Art von Ärger kenne ich gut

Sie schleicht sich gern ein, wenn ich überzeugt bin, dass mir jemand – oder das Leben höchstpersönlich – gerade etwas wegnimmt.

Meine Ruhe. Meinen schönen Moment. Meine gute Laune.

Als würde da draussen jemand sitzen und denken:

„Oh, schau. Yvonne geht es gerade richtig gut. Das können wir so natürlich nicht lassen.“

Und wenn kein Mensch zur Verfügung steht, übernimmt eben ein Wecker. Oder Baby-Geschrei.

Dabei hatte mir weder der Wecker noch das Baby meinen Frieden genommen.

Ich hatte aus einem Geräusch eine Geschichte gemacht. Und diese Geschichte lautete:

 

Ich könnte es so schön haben, wenn da draussen nicht ständig etwas wäre.

Oje. Denn wenn das stimmt, brauche ich ziemlich perfekte Bedingungen, damit es mir gut gehen darf. Ruhe. Nette Menschen. Keine nervigen Geräusche. Keine unerwarteten Störungen. Und bitte alle Wecker im Umkreis von fünfhundert Metern ausgeschaltet.

Viel Glück damit.

Das Verrückte daran:

Mir selbst keine Ruhe zu gönnen, das kann ich nämlich ganz hervorragend. Dazu brauche ich weder Wecker noch Babys.

Ich kann einen friedlichen Moment wunderbar damit verbringen, über etwas nachzudenken, das gestern passiert ist. Mir Sorgen über Morgen machen. Ein Gespräch im Kopf zum siebzehnten Mal führen. Oder mich über einen Wecker aufregen, dessen Besitzer möglicherweise längst irgendwo in Italien einen Cappuccino trinkt.

Ich musste wieder grinsen.

Der Morgen war nicht kaputt

Er war die ganze Zeit da gewesen. Die kühle Luft. Die leichte Brise. Mein Körper auf der Yogamatte. Die Ruhe zwischen den Geräuschen. Und jetzt eben ein Baby.

Ich konnte weiter darauf warten, dass die Welt endlich die perfekten Bedingungen für meinen inneren Frieden herstellte.

Oder ich konnte aufhören, meinen Frieden von diesen Bedingungen abhängig zu machen.

Also blieb ich noch einen Moment auf meiner Matte liegen.

Atmete ein. Atmete aus.

Das Baby krähte.

Irgendwo klapperte inzwischen Geschirr.

Das Quartier begann langsam aufzuwachen.

Und ich entschied mich, statt eine alte Geschichte über mich und die Welt zu behalten, lieber diesen Morgen zu geniessen.

Nicht den Morgen, den ich bestellt hatte.

Diesen hier. Genauso, wie er war.

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